Intel­li­gen­te Kon­takt­lin­se von Goog­le X für Dia­be­ti­ker — Was plant Goog­le mit unse­ren Gesund­heits­da­ten?

Ourdream is to use the latest tech­no­lo­gy in the minia­tu­ri­za­ti­on of elec­tro­nics to help impro­ve the qua­li­ty of life for mil­li­ons of peop­le. We are very exci­ted to work with Novar­tis to make this dream come true.„1 Zitat Ser­gey Brin, Co-Foun­der, Goog­le.

Welt­weit lei­den 285 Mil­lio­nen Men­schen an der häu­figs­ten Stoff­wech­sel­er­kran­kung Dia­be­tes mel­li­tus.2 Durch abso­lu­ten Insu­lin­man­gel (Dia­be­tes Typ 1) oder durch einer fal­schen Ernäh­rungs­wei­se bzw. Adi­po­si­tas (Dia­be­tes Typ 2) kommt es zu einen gestör­ten Glu­ko­se­stoff­wech­sel.3 In Deutsch­land sind laut Schät­zun­gen ca. 6 Mil­lio­nen Men­schen betrof­fen.2

Da ein unkon­trol­lier­ter Blut­zu­cker­spie­gel zu Kom­pli­ka­tio­nen wie Erblin­dung oder Nie­ren­ver­sa­gen füh­ren kann3, ist der betrof­fe­ne Pati­ent gezwun­gen, mehr­mals täg­lich sei­nen Blut­zu­cker­spie­gel zu mes­sen. Die Mes­sung mit den aktu­el­len Gerä­ten wird jedoch als läs­tig und schmerz­haft emp­fun­den.

Im Janu­ar 2014 hat Goog­le X in sei­nem Blog ver­öf­fent­licht, dass man einen Pro­to­typ einer intel­li­gen­ten Kon­takt­lin­se ent­wi­ckelt hat, um den Blut­zu­cker­ge­halt von Dia­be­ti­kern in der Trä­nen­flüs­sig­keit zu mes­sen.4 Bereits ein hal­bes Jahr spä­ter erklär­te sich das Bio­tech­no­lo­gie- Unter­neh­men Novar­tis bereit, dass ihre auf Augen­me­di­zin spe­zia­li­sier­te Toch­ter­fir­ma Alcon die­se neue Tech­no­lo­gie mit dem Namen „Smart Len­se“ lizen­ziert.5

Die Pro­to­ty­pen die­ser Kon­takt­lin­se von Goog­le X ent­hal­ten momen­tan zwei Tei­le einer nor­ma­len Kon­takt­lin­se zwi­schen denen sich ein Funk-Chip und ein Glu­ko­se­sen­sor befin­den. Der Glu­ko­se­wert in den Trä­nen­flüs­sig­kei­ten kann dadurch inner­halb von einer Sekun­de ermit­telt wer­den. Zusätz­lich sol­len LED-Lich­ter in den Kon­takt­lin­sen als Früh­warn­sys­tem die­nen. Bei die­sem Pro­jekt wird jedoch auch geplant, dass die Wer­te der Blut­zu­cker­mes­sun­gen anschlie­ßend draht­los auf ein Smart­pho­ne oder auf eine High­tech-Uhr über­tra­gen wer­den sol­len.4 Dies könn­te für den betrof­fe­nen Pati­en­ten eine wei­te­re hilf­rei­che Zusatz­funk­ti­on sein, aber bereits die­sen Punkt wer­den ver­mut­lich Daten­schüt­zer kri­ti­sie­ren.

Man muss sich also fra­gen, was die Chan­cen und Risi­ken die­ses Pro­jekts sind und wo es beim Daten­schutz zu Pro­ble­men füh­ren könn­te. Wo wer­den die­se Daten lan­den und wes­halb möch­te genau Goog­le das Leben von vie­len Dia­be­ti­kern das Leben erleich­tern? Steckt da noch mehr dahin­ter?

Zum einen wer­den Kri­mi­nel­le Inter­es­se an die­se Daten haben, da sie durch den Ver­kauf und durch Mani­pu­la­ti­on von Gesund­heits­da­ten sehr viel Geld ver­die­nen kön­nen und dies somit ein lukra­ti­ver Fang sein könn­te. Spe­zi­ell in den USA las­sen sich mit Ver­si­che­rungs­num­mern oder Dia­gno­se­codes soge­nann­te ID-Cards erstel­len. Mit solch einer ID-Card hat man schließ­lich die Mög­lich­keit, Medi­ka­men­te oder medi­zi­ni­sche Gerä­te zu kau­fen. So hat sich in den USA in die­sen Bereich ein Art Schwarz­markt ent­wi­ckelt. Im August 2014 z.B. haben chi­ne­si­sche Hacker über das Netz­werk von Com­mu­ni­ty Health Sys­tems Inc. per­sön­li­che Daten von 4,5 Mil­lio­nen Pati­en­ten geklaut. Laut Bosco Lehr vom Insti­tut für E‑Health und Manage­ment im Gesund­heits­we­sen an der Fach­hoch­schu­le Flens­burg kann man in Deutsch­land noch nicht viel mit den Gesund­heits­da­ten anstel­len.6

Ver­mut­lich wird es aber nur noch eine Fra­ge der Zeit sein, bis man hier­zu­lan­de ähn­li­che Zustän­de wie in den USA erle­ben wird. Laut § 28 VII BDSG Abs. 7 dür­fen im Gesund­heits­we­sen zumin­dest mal nur Per­so­nen, die einer ent­spre­chen­den Geheim­hal­tungs­pflicht unter­lie­gen, Daten erhe­ben, spei­chern oder ver­än­dern.7

Dazu darf grund­sätz­lich eine Über­mitt­lung von erho­be­nen medi­zi­ni­schen Daten nur mit Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten gemäß § 4a BSDG Abs. 3 erfol­gen.8 Dies hat zu Fol­ge, dass Arzt­pra­xen, Kran­ken­häu­ser etc. not­wen­di­ge Maß­nah­men ergrei­fen müs­sen, um per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten vor der Kennt­nis­nah­me durch Unbe­fug­te zu schüt­zen. Aber auch, wenn die Gesund­heits­da­ten eines Dia­be­ti­kers auf sei­nem Smart­pho­ne per Gesetz geschützt wer­den müs­sen, wer­den sie auch hier in Deutsch­land vor einen even­tu­el­len zukünf­ti­gen kri­mi­nel­len Angriff nicht sicher sein.

Zum ande­ren wer­den ver­schie­de­ne Ver­si­che­run­gen hier­zu­lan­de eben­falls an den Daten inter­es­siert sein. Nimmt der Pati­ent zum rich­ti­gen Zeit­punkt sei­ne ora­len Anti­dia­be­ti­ka ein? Hat er sich ord­nungs­ge­mäß ernährt? Wur­de in den letz­ten Wochen genü­gend Sport betrie­ben?

Mit den gesam­mel­ten Daten wer­den die Ver­si­che­run­gen die­se Fra­gen beant­wor­ten kön­nen und sie wer­den jeg­li­che Kon­trol­le über den Pati­en­ten haben, sodass man z.B. sei­ne Prä­mi­en und Rabat­te indi­vi­du­ell berech­nen wird.

Man kann die­ses Inter­es­se der Ver­si­che­rungs­kon­zer­ne schon beob­ach­ten, da bereits in Deutsch­land Kran­ken­kas­sen Apps anbie­ten, um Kör­per­da­ten zu erfas­sen.9 Das Prin­zip ist ganz ein­fach: bewe­gungs­ar­me Pati­en­ten sol­len mit Prä­mi­en moti­viert wer­den, sport­lich zu sein und die Kran­ken­kas­se möch­te zukünf­ti­ge Behand­lungs­kos­ten spa­ren.

So kön­nen z.B. Per­so­nen, die bei der Daim­ler Betriebs­kran­ken­kas­se ver­si­chert sind, mit der Run­tastic-App ihre sport­li­chen Tätig­kei­ten bewei­sen.10

Im Fall des Dia­be­ti­kers wür­de das bedeu­ten, dass er zusätz­li­chen Druck hät­te, sein Leben so zu füh­ren wie es Ärz­te, Kran­ken­kas­sen etc. von ihm ver­lan­gen, weil dann z.B. sei­ne Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge stei­gen wür­den.

Möch­te also Goog­le die­se Kon­takt­lin­se nur ent­wi­ckeln, um das Leben eines Dia­be­ti­kers zu erleich­tern? Was könn­te denn noch dahin­ter ste­cken? Wie man bis jetzt erfah­ren hat, sind unse­re Gesund­heits­da­ten Gold wert. Es geht um enorm viel Geld. Goog­le plant aber noch viel mehr.

Im Juli 2014 ist näm­lich bekannt gewor­den, dass Goog­le mit einer „Base­li­ne Stu­dy“ gene­ti­sche und mole­ku­la­re Infor­ma­tio­nen von tau­sen­den Per­so­nen sam­meln möch­te, um ein Bild des gesun­den Men­schen zu erstel­len. Bei die­ser Stu­die arbei­ten nahe­zu 100 Exper­ten, die in den Berei­chen Phy­sio­lo­gie, Optik, Bild­ver­ar­bei­tung und Mole­ku­lar­bio­lo­gie tätig sind. Zunächst sol­len die Daten von gesun­den Pro­ban­den über Blut‑, Urin- und Spei­chel­pro­ben gewon­nen wer­den. Goog­le möch­te aber, dass auf lang­fris­ti­ge Sicht soge­nann­te Weara­bles wie Fit­ness­arm­bän­dern oder Smart­wat­ches die Daten für die­se Stu­die sam­meln sol­len.11 Inter­es­san­ter­wei­se soll auch die Kon­takt­lin­se für Dia­be­ti­ker ähn­li­che Auf­ga­ben über­neh­men, sodass die Kon­takt­lin­se eben­falls ein Teil die­ser „Base­li­ne Stu­dy“ ist.

Mit die­sem Pro­jekt sol­len Bio­mar­ker gefun­den wer­den, damit schließ­lich Rech­ner ana­ly­sie­ren kön­nen, wel­che Indi­ka­to­ren bei einem Men­schen eine Krank­heit aus­lö­sen. So wol­len die For­scher auf die­se Wei­se die Zusam­men­hän­ge zwi­schen DNA, Enzy­men und Pro­te­inen bes­ser ver­ste­hen.

Dazu muss man erwäh­nen, dass Goog­le im Jah­re 2013 die Toch­ter­fir­ma Cali­co gegrün­det hat, die sich damit beschäf­tigt, alters­be­ding­te Krank­hei­ten zu bekämp­fen. Eine Tablet­te, die uns ewig jung hal­ten soll.12

Goog­le ver­folgt also das Ziel her­aus­zu­fin­den, wie der per­fekt gesun­de Mensch aus­sieht. Um dies zu errei­chen benö­tigt Goog­le nur eines: Daten!

In der Ein­füh­rung wur­de erwähnt, dass eine smar­te Kon­takt­lin­se das Leben von meh­re­ren hun­dert Mil­lio­nen Men­schen, die an Dia­be­tes Mel­li­tus lei­den, erleich­tern soll. Als Phar­ma­zie-Stu­dent fin­de ich es immer wie­der span­nend zu lesen, wie sich die Tech­no­lo­gie im Bereich der Gesund­heit stän­dig wei­ter ent­wi­ckelt. Die Zukunft wird auch noch viel mehr brin­gen.

In den phar­ma­zeu­ti­schen Wis­sen­schaf­ten wer­den wir auch dazu aus­ge­bil­det, spä­ter einen neu­en Wirk­stoff syn­the­ti­sie­ren zu kön­nen, der nach einer lan­gen Stu­di­en­pha­se als Medi­ka­ment auf den Markt kommt, um bes­ten­falls eine Krank­heit zu hei­len. Die Metho­den, die ange­wen­det wer­den, sind mei­nes Erach­tens nach noch greif­bar. Was Goog­le jedoch vor­hat, sprengt jeg­li­che Gren­zen der Vor­stel­lungs­kraft. Was noch mit einer Kon­takt­lin­se, die dün­ner als ein Haar sein soll, ange­fan­gen hat, ent­pupp­te sich Teil einer ganz gro­ßen Sache zu sein. Eine der wohl größ­ten Daten­bank soll uns den Weg zur per­fek­ten Gesund­heit zei­gen.

Das klingt natür­lich auf den ers­ten Blick alles sehr viel­spre­chend. Wer wür­de sich nicht freu­en, das gan­ze Leben lang gesund zu sein? Das Pro­blem ist aber, dass der Mehr­heit nicht bewusst ist, dass auch wir bereits Teil die­ses Pro­jek­tes sind, indem wir täg­lich Daten über unse­ren gesund­heit­li­chen Zustand wei­ter­ge­ben. Es ist auch unheim­lich zu wis­sen, dass sich ein Kon­zern, der zunächst nur eine Such­ma­schi­ne gewe­sen ist, über­haupt mit so etwas beschäf­tigt.

Wohin wird die­se Geschich­te füh­ren? Wer­den wir zukünf­tig noch Herr über unse­ren eige­nen Kör­per sein? Die­se Fra­gen sind schwer zu beant­wor­ten, denn Goog­le ist zu unbe­re­chen­bar. Uns bleibt nichts ande­res übrig, als bewuss­ter mit unse­ren Gesund­heits­da­ten umzu­ge­hen und jeg­li­che neue Tech­no­lo­gi­en zunächst immer zu hin­ter­fra­gen.

3 Vgl. Stry­er, L., 2013. In: Bio­che­mie, p.809

Die­se Arbeit wur­de im Rah­men des BOK-​Kur­ses “Siche­rer Umgang mit IT für All­tag und Beruf – Grund­la­gen Daten­schutz und Daten­si­cher­heit” von Stu­die­ren­den an der Uni­ver­si­tät Frei­burg erstellt.


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  1. bin sehr inter­es­siert!

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