Die Snow­den-Debat­te – Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Deutsch­land im Ver­gleich

Schon lan­ge hat man ver­mu­tet, dass die Geheim­diens­te die­ser Erde alle tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten zur mas­sen­haf­ten Abhö­rung nut­zen. Von allen hat dabei die ame­ri­ka­ni­sche NSA die meis­ten Mit­tel zur Ver­fü­gung. Doch vor 2013 war nichts bewie­sen und die Debat­te hat wenig Brei­ten­wir­kung ent­fal­tet. Seit Edward Snow­den am 23. Mai 2013 nach Hong Kong floh und zahl­rei­che Doku­men­te der NSA an die Pres­se über­gab, hat die Welt Gewiss­heit. Die­se Doku­men­te wur­den zuerst am 5. Juni 2013 vom bri­ti­schen The Guar­di­an ver­öf­fent­licht. Schritt­wei­se wur­de ent­hüllt, dass die USA im gro­ßen Stil Daten ihrer eige­nen Bür­ger und Men­schen auf der gan­zen Welt sam­meln und gezielt Regie­run­gen auch enger Ver­bün­de­ter abhö­ren. Hin­ter die­se Gewiss­heit gibt es kein zurück, wir leben in einer Post-Snow­den-Welt.

Die Ent­hül­lun­gen haben Debat­ten auf der gan­zen Welt aus­ge­löst und zu eini­ger Ver­stim­mung im trans­at­lan­ti­schen Bünd­nis geführt. In Deutsch­land führ­te beson­ders das Abhö­ren der Bun­des­kanz­le­rin zu hef­ti­gen Pro­tes­ten, über das Aus­spä­hen der deut­schen Bür­ger war man weit weni­ger beun­ru­higt. Das Aus­maß des Ärgers drück­te die Aus­sa­ge von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel (CDU) aus: „Aus­spä­hen unter Freun­den, das geht gar nicht.“1 Gemes­sen an den Gepflo­gen­hei­ten der diplo­ma­ti­schen Spra­che war das mehr als deut­lich. Das Ver­hält­nis zwi­schen deut­scher und ame­ri­ka­ni­scher Regie­rung hat den Tief­punkt seit dem Beginn des Irak­krie­ges erreicht.

In der Ver­ur­tei­lung waren sich alle deut­schen Poli­ti­ker einig, der dama­li­ge Außen­mi­nis­ter Gui­do Wes­ter­wel­le (FDP) bestell­te den ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­ter ein, einer der schärfs­ten Reak­tio­nen in der Diplo­ma­tie. Nicht in direk­tem Zusam­men­hang mit der Abhör-Affä­re, aber als Reak­ti­on auf wei­te­re Spio­na­ge­ak­ti­vi­tä­ten wies Deutsch­land im Juli 2014 den Reprä­sen­tan­ten der US-Geheim­diens­te in Deutsch­land aus.2 Auf der lin­ken Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums for­der­te man hand­fes­te­re Kon­se­quen­zen, die über die Diplo­ma­tie hin­aus­ge­hen. Der dama­li­ge Oppo­si­ti­ons­füh­rer Sig­mar Gabri­el (SPD) for­der­te den Abbruch der Ver­hand­lun­gen über das trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP.3 Der weit links ste­hen­de Abge­ord­ne­te Chris­ti­an Strö­be­le (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen) drang sogar dar­auf, Edward Snow­den in Deutsch­land Asyl zu gewäh­ren und von einem Unter­su­chungs­aus­schuss befra­gen zu las­sen.4

Eine noch här­te­re Reak­ti­on wäre in Deutsch­land popu­lär. Über die Mög­lich­keit, die USA durch Ein­schrän­kun­gen in der wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Zusam­men­ar­beit emp­find­lich zu tref­fen ver­fügt Deutsch­land. Doch die­se Zusam­men­ar­beit ist für Deutsch­land wich­ti­ger als für die USA, allein auf Grund der Grö­ße. Im Zorn um sich zu schla­gen ist in der Poli­tik sel­ten rat­sam. Des­halb soll­te kühl betrach­tet wer­den, wel­che Ent­wick­lun­gen abseh­bar sind.

Sowohl Deutsch­land als auch die USA haben der­zeit Regie­run­gen, denen ein gutes trans­at­lan­ti­sches Ver­hält­nis am Her­zen liegt. Die CDU ist seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik Archi­tekt und wich­tigs­ter Trä­ger der deut­schen West­in­te­gra­ti­on. Von einer uni­ons­ge­führ­ten Regie­rung ist kei­ne all­zu schar­fe Reak­ti­on zu erwar­ten. Anders als Ger­hard Schrö­der (SPD) im Streit um den Irak­krieg will und kann sie kein poli­ti­sches Kapi­tal aus dem Kon­flikt schla­gen. Ame­ri­ka hat der­zeit mit Barack Oba­ma einen demo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten und der Senat wird von den Demo­kra­ten kon­trol­liert. Die­sen liegt tra­di­tio­nell mehr an mul­ti­la­te­ra­ler Zusam­men­ar­beit und Rück­sicht auf ande­re Natio­nen. Oba­ma selbst hat das immer wie­der betont, etwa in sei­ner berühm­ten Rede in Ber­lin 2008, bevor er Prä­si­dent wur­de: „Part­nership and coope­ra­ti­on among nati­ons is not a choice; it is the one way, the only way, to pro­tect our com­mon secu­ri­ty and advan­ce our com­mon huma­ni­ty.“5

Dass bei­de Län­der von Regie­run­gen geführt wer­den, die ein hohes Inter­es­se an Koope­ra­ti­on haben, begrenzt die Hef­tig­keit des Kon­flik­tes. Jede Regie­rung bewegt sich aber im Kon­text des jewei­li­gen poli­ti­schen Spek­trums, sie wer­den von den Oppo­si­ti­ons­kräf­ten unter Druck gesetzt. In Deutsch­land sind Die Grü­nen und die Links­par­tei gegen­über Ame­ri­ka deut­lich kri­ti­scher ein­ge­stellt als die Regie­rungs­par­tei­en. In Ame­ri­ka sind die Repu­bli­ka­ner im Senat in der Min­der­heit, doch sie kon­trol­lie­ren das Reprä­sen­tan­ten­haus. Tra­di­tio­nell haben sie weni­ger Ver­ständ­nis für die Ansich­ten der Euro­pä­er und hal­ten sie für weni­ger rele­vant.

Die deut­sche Reak­ti­on war scharf als es um das Abhö­ren der Regie­rung selbst ging, zahn­los als es um die eige­nen Bür­ger ging. In Ame­ri­ka sieht man ledig­lich das Abhö­ren ame­ri­ka­ni­scher Bür­ger ohne gericht­li­che Erlaub­nis als Skan­dal, weil das einen Ver­stoß gegen die Ver­fas­sung dar­stel­len könn­te. Das Abhö­ren ver­bün­de­ter Regie­run­gen ist zwar pein­lich und ver­ur­sacht inter­na­tio­na­le Span­nun­gen, ist recht­lich aber unbe­denk­lich. Am 7. Juni 2013 äußer­te sich Barack Oba­ma zum Abhö­ren ame­ri­ka­ni­scher Bür­ger. Ihm zufol­ge sei das Abhör­pro­gramm einer strik­ten Über­wa­chung durch Bun­des­ge­rich­te unter­wor­fen und es gin­ge nur um den Abgleich von Tele­fon­num­mern und Gesprächs­dau­er, des­halb sei es völ­lig legal. Er beton­te auch, dass man nicht kom­plet­ten Schutz der Pri­vat­sphä­re und Abwehr der Ter­ror­ge­fahr haben kön­ne: „We’re going to have to dis­cuss and deba­te […] how are we striking this balan­ce bet­ween the need to keep the Ame­ri­can peop­le safe and our con­cerns about pri­va­cy.“6

Wenn Oba­ma von Auf­sicht durch Bun­des­ge­rich­te spricht, ist aber zu beden­ken, dass er den United Sta­tes For­eign Intel­li­gence Sur­veil­lan­ce Court (FISA) meint, des­sen Ent­schei­dun­gen geheim sind. Nach deut­schem Ver­ständ­nis sind gehei­me Gerichts­ent­schei­de schwer­lich mit einem Rechts­staat zu ver­ein­ba­ren.7 Die meis­ten Poli­ti­ker des Estab­lish­ments – sowohl Repu­bli­ka­ner als auch Demo­kra­ten – unter­stüt­zen hier­bei Prä­si­dent Oba­ma. Der repu­bli­ka­ni­sche Sena­tor John McCain kri­ti­sier­te Oba­ma dafür, dass die Über­wa­chungs­pro­gram­me nicht weit genug gin­gen: „The­re has been cri­ti­cism on the part of peop­le like me about us not doing enough.“8 Die demo­kra­ti­sche Vor­sit­zen­de des Geheim­dienst­aus­schus­ses des Senats Dian­ne Fein­stein beton­te die Recht­mä­ßig­keit des Abhör­pro­gramms: „I can tell you this, the­se pro­grams are wit­hin the law.“9

Hef­tig ange­grif­fen wur­de das Über­wa­chungs­pro­gramm von lin­ken Bür­ger­rechts­grup­pen und der liber­tä­ren Rech­ten. So hat sowohl die Ame­ri­can Civil Liber­ties Uni­on (ACLU) als auch der repu­bli­ka­ni­sche Sena­tor Rand Paul gegen das Pro­gramm geklagt. In der ers­ten Instanz wur­de die Kla­ge der ACLU bereits abge­lehnt, es wird noch eini­ge Zeit dau­ern, bis eine höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung vor­liegt.10

Die­se Reak­tio­nen bezie­hen sich aus­schließ­lich auf die Abhö­rung ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger, das Abhö­ren von Aus­län­dern wird in Ame­ri­ka weit­hin nicht als pro­ble­ma­tisch gese­hen. Über das Abhö­ren der Bun­des­kanz­le­rin zeig­ten sich sowohl die Regie­rung als auch die Oppo­si­ti­on zer­knirscht. Prä­si­dent Oba­ma äußer­te bei einem tref­fen mit der Kanz­le­rin: “The­se are com­pli­ca­ted issu­es […]. We’re not per­fec­t­ly ali­gned yet, but we sha­re the same values, and we sha­re the same con­cerns.”11 Sena­tor John McCain for­der­te von Oba­ma, er sol­le sich bei Mer­kel ent­schul­di­gen. Doch sol­che Äuße­run­gen muss man als blo­ße Ver­su­che sehen die poli­ti­schen Wogen zu glät­ten. Ein recht­lich bin­den­des No-Spy-Abkom­men, wie es mit Groß­bri­tan­ni­en besteht, hat die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung abge­lehnt.12

In den drei erwähn­ten Kate­go­ri­en, dem Abhö­ren von ame­ri­ka­ni­schen Bür­gern, aus­län­di­scher Regie­run­gen und aus­län­di­scher Bür­ger ist fol­gen­des zu erwar­ten: Mit dem Abhö­ren der Ame­ri­ka­ner wird sich der Obers­te Gerichts­hof befas­sen und eine Ent­schei­dung tref­fen; falls die­se nicht zufrie­den stel­lend aus­fällt, wer­den von lin­ken Demo­kra­ten und liber­tä­ren Repu­bli­ka­nern neue Geset­ze zur Geheim­dienst­ak­ti­vi­tät im Inland vor­ge­schla­gen wer­den. Beim Abhö­ren aus­län­di­scher Regie­run­gen wird die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung die poli­ti­schen Kos­ten fürch­ten und in Zukunft vor­sich­ti­ger agie­ren. Doch kei­ne Äuße­rung ame­ri­ka­ni­scher Poli­ti­ker deu­tet dar­auf hin, dass sich an der Über­wa­chung von Aus­län­dern etwas ändern wird. Eine Ver­bes­se­rung kann nur durch die Fest­le­gung inter­na­tio­na­ler Bür­ger­rech­te erreicht wer­den, die staat­li­ches Han­deln auch im Aus­land bin­det. Doch die Ame­ri­ka­ner ste­hen sol­chen recht­li­chen Beschrän­kun­gen ihres außen­po­li­ti­schen Han­delns äußert ableh­nend gegen­über, was ihre Ein­füh­rung äußerst unwahr­schein­lich macht. Die deut­sche Poli­tik lässt nicht im Gerings­ten erken­nen dass sie bereit ist, poli­ti­sches Kapi­tal in die­se Idee zu inves­tie­ren. Wei­ter­hin wird gel­ten: Gegen­über Aus­län­dern im Aus­land ist die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung nicht an Recht und Gesetz gebun­den.

Lite­ra­tur­ver­zeich­nis:

1 Uken, Mar­lies: Für Mer­kel geht Abhö­ren unter Freun­den gar nicht, in: Die Zeit 24.10.2013.
2 Pater­son, Tony: Ger­man government expels America’s most-seni­or intel­li­gence offi­ci­al, in: Ber­lin over espio­na­ge row, in: The Inde­pen­dant 10.07.2014.
3 Neue­rer, Diet­mar: Wenn aus Freun­den Fein­de wer­den, in: Han­dels­blatt 24.10.2013.
4 Rei­ne­cke, Ste­fan: Ver­su­chen wir das Unmög­li­che, in: taz.die tages­zei­tung 1.11.2013.
5 Full Script of Obama’s Speech in Ber­lin, bei: CNN 24.07.2008.
6 Obama’s Remarks on Health Care and Sur­veil­lan­ce, in: The New York Times 7.06.2013.
7 Pitz­ke, Marc: Über­wa­chung in den USA. Das Schat­ten­ge­richt, in: Der Spie­gel 21.06.2013.
8 John McCain im Inter­view mit Can­dy Crow­ley, bei: CNN 9.062013.
9 Dian­ne Fein­stein und Mike Rogers im Inter­view bei This Week, bei: ABC 9.06.2013.
10 Sava­ge, Char­lie: Rand Paul Files Lawsu­it Over N.S.A. Call Sur­veil­lan­ce, in: The New York Times 12.02.2014.
11 Land­ler, Mark: Mer­kel Signals That Ten­si­on Per­sists Over U.S. Spy­ing, in: The New York Times 2.05.2014.
12 Olter­mann, Phil­ip: US will not enter bila­te­ral no-spy deal with Ger­ma­ny, reports media, in: The Guar­di­an 14.01.2014.
Die­ser Bei­trag wur­de im Rah­men des BOK-​Stu­di­ums Smart Busi­ness – Daten­schutz und Daten­si­cher­heit an der Uni­ver­si­tät Frei­burg erstellt.

Ande­re inter­es­san­te Bei­trä­ge:
Neu­es Major Release 3.20 von datomo MDM: Eige­ne Push-Nach­rich­ten, erwei­ter­te Funk­tio­nen für Win­dows 8.1 und wei­te­re Ver­bes­se­run­gen der neu­en…
Mit der Ver­öf­fent­li­chung der Ver­si­on 3.20 erscheint das 3 Major Release von datomo Mobi­le Device Man­ge­ment in die­sem Jahr. Die Ver­bes­se­run­gen lie­gen in der Unter­stüt­zung von Win­dows 8.1 Gerä­ten, frei kon­fi­gu­rier­ba­ren Push Nach­rich­ten und wei­te­ren Funk­tio­nen in der neu­en GUI. Ein beson­de­rer Blick …
Mobi­le Device Manage­ment (MDM) — Good ver­klagt Air­Watch und MobileI­ron wegen Patent­ver­let­zun­gen
In Deutsch­land ist erstaun­li­cher­wei­se noch weit­ge­hend unbe­kannt, dass Good MobileI­ron und Air­Watch wegen zahl­rei­cher Patent­ver­let­zun­gen vor dem Distrikt­ge­richt von San Jose am 14. Novem­ber ver­klagt hat. Wen der Ort San Jose an etwas erin­nert — rich­tig! Apple hat dort vor kur­zem erst mit Pau­ken und T…
Mobi­le Device Manage­ment (MDM) im Kran­ken­haus und Gesund­heits­we­sen
Aus unse­rem All­tag wis­sen wir, dass das The­ma Mobi­le Device Manage­ment (MDM) zuneh­men­de Bedeu­tung im Gesund­heits­we­sen gewinnt. Unse­re Anwen­der­ba­sis von datomo Mobi­le Device Manage­ment in die­sem Sek­tor ist in den letz­ten Mona­ten stark gewach­sen, denn in kaum einem ande­ren Bereich des Lebens hat Daten…
datomo MDM: Anders, mehr und bes­ser – Was spricht für eine deut­sche Lösung? Unser neu­es White­pa­per
Wir haben die aktu­el­le Dis­kus­si­on um den Data­ga­te-Skan­dal zum Anlass genom­men, unser bereits bestehen­des White­pa­per mit dem Titel: ‘datomo MDM — Anders, mehr und bes­ser – Grün­de für eine deut­sche Lösung’ zu über­ar­bei­ten. Wir freu­en uns, Ihnen die­ses nach der jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chung des neu­en White…
datomo MDM Release 3.18.1 mit her­aus­ra­gen­den Kon­fi­gu­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten für Win­dows Pho­ne 8.1 erschie­nen
Gera­de erst haben wir das Major Release 3.18 von datomo Mobi­le Device Manage­ment her­aus­ge­ge­ben, da geht es auch schon wie­der wei­ter mit den Neu­hei­ten in die­ser Lösung. Dies­mal kon­zen­trie­ren wir uns auf das Win­dows Pho­ne 8.1 und ver­spre­chen Ihnen ein­ma­li­ge Kon­fi­gu­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten in den Anwen­dung…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Geben Sie bitte das Ergebnis ein: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.