Gerade fällt mein Blick auf die Ausgabe 07⁄2012 von CHIP, die mittlerweile immer wieder versucht, die Aufmachung von Boulevard-Blättern zu kopieren. Und was lese ich dort:
WINDOWS 8 TABLET schlägt iPad!
Prima, denke ich, Konkurrenz schadet Apple nicht – wobei es ja nicht Windows sein muss. Ich blättere zum Artikel – Markus Hermannsdorfer hat den Test gemacht, ein Fachmann für Windows, im iOS-Umfeld ist er mir noch nie aufgefallen.
Doch dann werde ich rasch stutzig. Ich lese als erstes die Testergebnisse und stolpere über die Einleitung:
Das Ergebnis dieses Vergleichstests weicht von unserer (Anm. KD: üblichen) Testtabelle auf Seite 108 ab. Die Gründe: Es wurde mehr Gewicht auf die Ausstattung sowie den Effekt der Software auf die Performance gelegt. Zudem haben wir das (Samsung) XE700 mit Windows 8 statt 7 ins Rennen geschickt.
Den “Test” hat das Samsung XE700 mit Windows 8 mit 92,5 gegen 91,3 für das neue iPad gewonnen. Auf der angeführten Seite 108 ist das iPad 3 mit 95,5 Punkten mit deutlichem Abstand vor dem iPad 2 mit 90,4 Punkten Testsieger!
Welch ein Schwachsinn! Da kriegt man das iPad im Test nicht auf Platz 2 – kein Problem! Man ändert einfach nur die Bewertungskategorien! Ist ja auch unfair, dass das iPad so ein unerreichbar gutes Display hat! Da streicht man dann doch am besten die Kategorie “Display” mal ganz aus dem Test und schon ist das Problem gelöst! Mir fehlen die Worte – Schweinejournalismus nenne ich so etwas!
Insofern bedürften die zahlreichen methodischen Fehler dieses “Tests” keiner weiteren Erwähnung. Ich führe sie aber an, weil sie zeigen, wie extrem dilettantisch heutzutage “Journalisten” arbeiten, wobei ich ich im vorliegenden Fall keineswegs Inkompetenz unterstelle. Warum all diese Merkwürdigkeiten passieren, möge sich jeder selbst denken – die Gedanken sind frei! Im Einzelnen:
- Der Browser von Windows 8 wird aufgrund guter Ergebnisse in 3 Browser-Benchmark-Tests hochgejubelt, der Test, der Safari als besser testet, wird als aus dem Rahmen fallend diskreditiert. Einmal abgesehen davon, dass der Wert von Browser-Benchmarks äußerst umstritten ist, stellen weder Safari noch der Internet Explorer den aktuell besten Stand der Technik zum Surfen dar. Jeder iPad-User wählt – über kurz oder lang – einen Browser, der besser performt als Safari. Auch Hardware ist hierbei nicht unerheblich. Das Samsung XE700 kommt mit einem Intel Core i5 und 4 GB Hauptspeicher daher – gegen den Apple A5X mit einem GB Hauptspeicher! Dies bleibt allerdings in der Bewertung unberücksichtigt und wird nur am Rande im Text erwähnt.
- Das über 200 Gramm höhere Gewicht des XE700 wird marginalisiert – obwohl das iPad schon ein eher schweres Tablet ist. Das XE700 ist mit 870 Gramm kein Tablet mehr.
- Der doppelte Preis des Samsung-Gerätes fällt im Test bei der Bewertung mal eben unter den Tisch.
- Das iPad 3 wird oft wegen der angeblich zu großen Hitzeentwicklung kritisiert, was falsch ist, wie ich in einem anderen Artikel erläutert habe. In diesem “Test” wird das Thema wie folgt bagatellisiert: Trotz der starken Hardware hält sich die Hitzeentwicklung beim Samsung in Grenzen. Nach zehn Minuten Videogucken maßen wir 44 Grad Celsius an der heißesten Stelle. Das iPad bleibt mit 32,3 Grad Celsius kühler. Klar, 44 Grad sind toll, da braucht man keine Handwärmer im Winter!
- Nächster Blödsinn: Softwareseitig bietet Apple derzeit ungefähr 200.000 Apps im iPad-Store. Super recherchiert! Aktuell sind es 650.000 im App-Store – einen separaten iPad-Store gibt es nicht. Macht nicht, Herr Hermannsdorfer, 450.000 Apps kann man ja mal übersehen!
- Die Tendenz des “Tests” erkennt man dann, wenn Windows hochgejubelt wird: Dem steht die komplette Windows-Welt gegenüber: Allein SourceForge listet derzeit über 4 Millionen Programme, spezielle Metro-Apps sind vor dem Windows-8-Marktstart allerdings noch rar. Wunderbar! Da freut sich einer, dass es 4 Millionen Windows-Programme gibt, die weit überwiegend nicht auf Mobility abgestimmt sind und native Apps fehlen! Geht’s noch?
- Während Sie in Windows blitzschnell Dateien verschieben können, müssen Sie das iPad bei jedem Kopiervorgang synchronisieren. Es ist nicht schlimm, wenn man keine Ahnung hat! Aber dann muss man das doch nicht noch als IT-Journalist kundtun. Es gibt so viele Berufe, wo Mangel herrscht – Krankenpflege, Altenbetreuung, Landwirtschaft – und wo man nicht noch andere Menschen falsch informiert! Die Suchkombination “Filemanager iOS” auf Google bringt aktuell zarte 18,9 Millionen Einträge – es gibt hunderte gute und oft kostenlose Lösungen!
- Da wird die hohe Flexibilität von Windows 8 hochgejubelt – man kann sogar die Registry manipulieren, was in den Augen von Microsoft nicht der regelmäßige Gebrauch sein sollte. Der von Apple ebenfalls abgelehnte und damit vergleichbare Jailbreak wird noch nicht einmal erwähnt! Warum auch – bietet er doch viel mehr als ein einfacher Registry-Hack.
Ich könnte noch viele andere handwerkliche Fehler dieses “Tests” kritisieren, aber der Leser kann auch so schon erkennen, was der “Test” in Wahrheit ist – offene Verkaufsförderung für Microsoft. Was lernen wir daraus? Für die meisten Computerzeitschriften gibt es keinen sinnvollen Verwendungszweck – selbst als Klopapier versagen sie. Gott sei Dank gibt es noch den Heise-Verlag, aus dem nach wie vor einige Leuchttürme des IT-Journalismus kommen.
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