Gestern abend hatte ich eine sehr interessante Begegnung mit einem Schweizer Unternehmensberater. Er war auf der Veranstaltung “Wertewandel, Social Media und Politik” mit dem Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz gewesen, wo Scholz unter anderem seine Visionen und Pläne für die Hamburger IT-Landschaft darstellte.
Mein Gesprächspartner zeigte sich nicht wirklich überzeugt von der Machbarkeit und Sinnhaftigkeit dieser Visionen und wies nur trocken darauf hin, dass wir in Deutschland beim Internet– und Glasfaserausbau für schnelles Internet den Stand eines Entwicklungslandes haben – nahezu jedes europäische Land ist besser entwickelt – und es vor diesem Hintergrund nicht wirklich überzeugt – zumal vor dem Hintergrund komplett leerer Kassen! – millionenschwere Investitionsprogramme zu planen. Jedes Bergdorf in der Schweiz ist besser ans Internet angeschlossen als die Fläche in Deutschland.
Er schilderte mir einen wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz, der mir nicht bekannt war. Während in Deutschland Politik und Wirtschaft symbiotisch zusammenleben – für die Nachteile ist Wulff nur ein Beispiel unter vielen – sind diese Bereiche in der Schweiz qua Verfassung getrennt.
Da fiel bei mir der Groschen! Ich dachte an die USA, die ich besser als die Schweiz kenne und dachte an unseren Anbieter Brighthouse. Ich poste hier die aktuelle Preisliste:
Auf den ersten Blick – keine wesentlichen Unterschiede zu unserem Preisniveau in Deutschland. In der Performance sind die Unterschiede dann aber riesig. Die 10 Mbps sind in den USA heute im letzten Kuhdorf Standard, selbst in kleinen Orten sind die 40 Mbps mittlerweile weit verbreitet. Wenn man das mit dem Angebot in Deutschland vergleicht, wo immer noch Millionen Haushalte und Firmen in der Fläche mit 256, 512 oder 768 Kbps leben müssen, ist das 13 – 50 mal schneller! Oder im Umkehrschluss: Internet in der Fläche kostet in den USA nur 2–8 % wie in Deutschland!
Wer beschert uns dieses Desaster in Deutschland? Die unselige Mischung aus Politik und Wirtschaft spielt eine massgebliche Rolle. Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes ist früh in den Anfängen versandet, weil man der Telekom das Netz gelassen hat und der Staat den Markt mit einer Behörde (Bundesnetzagentur) reguliert. Ich bin sicher, dass wir heute eine ähnlich gute Situation wie in den USA oder anderen europäischen Ländern hätten, wenn man der Telekom das Netz weggenommen hätte und wir heute in Deutschland z.B. 10 wirtschaftlich im Wettbewerb arbeitende Anbieter hätten.
Und die Politik ist den Carriern schon wieder auf den Leim gegangen – LTE heist das Zauberwort. Man muss die Menschen nur lange genug aushungern, dann hoffen sie auch auf ein solch schwachsinniges Produkt. Ein Produkt, dass in Leistung und Zuverlässigkeit rein technisch nie die Zuverlässigkeit leitungsgebundener Anschlüsse erreichen kann. Aber LTE bietet den Carriern zusätzliche Möglichkeiten Mobilfunkkapazitäten aufzubauen und ist hierdurch aktive Verkaufsförderung der Politik für die Carrier. Ein Schelm, wer hierbei Böses denkt.
Mich macht diese bis auf den heutigen Tag anhaltende unselige Verquickung von Politik und Telekom (und bei LTE der Carrier insgesamt) immer wieder wütend. Ohne den Schutzschirm der Politik wäre die Telekom, die im Kern bis heute noch die Post geblieben ist und wie eine Behörde agiert, schon längst von der Bildfläche verschwunden. Dass es die Telekom in einem realen Wettbewerbsumfeld nicht kann, hat sie lückenlos mit T-Mobile in den USA und in vielen anderen Situationen bewiesen. Jeder, der einmal mit dieser Firma arbeiten “durfte”, ist schon nach kurzer Zeit vom Popanz, der Arroganz und der Inkompetenz der Mitarbeiter beeindruckt. Kurz und knapp: es wäre am Besten, wenn es die Telekom nicht gäbe.
Womit die Auffassung meines Gesprächspartners gestützt wird – das Schweizer System ist besser, Wirtschaft und Politik müssen getrennt werden, die Zusammenarbeit korrumpiert beide Seiten!
PS:
Und trotzdem empfehlen wir jedem Kunden, das Festnetz über die Telekom zu betreiben, weil nur das bei Störungen eine rasche Entstörung garantiert. Denn wenn man bei einem Anbieter ist, der nicht über die letzte Meile verfügt, wird man Opfer der Schikanen, die die Telekom ihren Wettbewerbern in den Weg räumt.
Haben Sie schon mal etwas von einer Initiative der Politik gehört, die der Telekom ultimativ androht, die letzte Meile unter den Marktteilnehmern aufzuteilen, wenn die Behinderung anderer Anbieter nicht aufhört? Ich nicht. Wird auch nie passieren, die Telekom pflegt ja auch die politische Landschaft – Lobbyismus heisst die Seuche.
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