Ich habe schon in mehreren Beiträgen dieses Thema behandelt, unter anderem auch im Beitrag Mobile Device Management (MDM) – Sicherheit kann nur aus Europa kommen. Erfreulicherweise wird dieses Thema in den letzten Wochen vermehrt diskutiert, beispielsweise in dem guten Beitrag Ärger um den Patriot Act auf computerwoche.de von Joachim Hackmann. Auch diverse Anfragen von Lesern des Blogs veranlassen mich dieses Thema noch einmal als MDM-Essential zu vertiefen, denn hierbei handelt es sich wirklich um ein sehr grundsätzliches Thema, bei dem sehr viele falsche Informationen gezielt verbreitet werden.
Zur Einleitung für diejenigen, die nicht wissen, was der Patriot Act ist, habe ich den entsprechenden Artikel auf Wikipedia verlinkt. Kurz gesagt: Der Patriot Act wurde unter dem Schock des 11. September 2001 durch den Kongress geprügelt und hat sich zu einer breiten Sammlung von Gesetzen und Verordnungen entwickelt. Nie zuvor hat es in den USA eine derartig weitgehende und tiefgreifende Aushebelung der Bürgerrechte gegeben. Der Patriot Act hat die Bürgerrechte in den USA in vielen Bereichen auf den in einer Bananenrepublik üblichen Level reduziert, insofern ist der amerikanische Impetus der Welt Demokratie erklären zu wollen spätestens mit dem Patriot Act obsolet geworden. Unterstützt wurde diese Entwicklung willfährig von deutschen und europäischen Politikern, besipielsweise im Zuge der Fluggastdatenübermittlung.
Der Wikipedia-Artikel weist auf einen für die IT besonders gravierenden Sachverhalt hin:
Die Erfordernis, Richter bei Telefon– oder Internetüberwachung als Kontrollinstanz einzusetzen, wurde weitgehend aufgehoben, dadurch werden die Abhörrechte des FBI deutlich erweitert. Der zuständige Richter muss zwar von einer Überwachung informiert werden, dieser ist jedoch verpflichtet, die entsprechende Abhöraktion zu genehmigen. Telefongesellschaften und Internetprovider müssen ihre Daten offenlegen.
Gleiches gilt für mit Bezug auf die Patriot-Act-Gesetzgebung angeordnete Überwachungen, die nicht nur mit technischen Mitteln durchgeführt werden können. Wenn die CIA oder das FBI zur Auffassung gelangen, dass sie Informationen über eine Person oder ein Unternehmen in Deutschland oder Europa benötigen, muss jede Person oder Firma im Einflussbereich amerikanischen Rechts uneingeschränkt mitwirken und unterliegt bezüglich dieser Mitwirkung der strikten Geheimhaltung. Microsoft hat diesen Sachverhalt erfreulich klar und deutlich bei der Einführung von Office 365 zugegeben:
Frage an Gordon Frazer, Geschäftsführer Microsoft UK:
“Can Microsoft guarantee that EU-stored data, held in EU based datacenters, will not leave the European Economic Area under any circumstances — even under a request by the Patriot Act?” …
“Microsoft cannot provide those guarantees. Neither can any other company.” …
Any data which is housed, stored or processed by a company, which is a U.S. based company or is wholly owned by a U.S. parent company, is vulnerable to interception and inspection by U.S. authorities.
Übersetzt heisst dies:
“Kann Microsoft garantieren, dass in Europa gespeicherte Daten, die in europäischen Rechenzentren vorgehalten werden, den Einflussbereich der EU unter keinerlei Umständen verlassen – selbst im Falle einer auf dem Patriot Act basierenden Anforderung?”
“Microsoft kann diese Garantie genauso wenig wie jede andere Firma geben.”
Sämtliche Daten, die von einer in Amerika angesiedelten!!! Firma oder einer Tochterfirma einer amerikanischen Firma bereitgestellt (housed), gespeichert (stored) oder verarbeitet (processed) werden, sind durch Abhören und Untersuchung durch amerikanische Behörden gefährdet.
Dies bedeutet ganz explizit, dass auch deutsche und /oder europäische Firmen, die Töchter und /oder Niederlassungen in den USA unterhalten, uneingeschränkt dem Patriot Act unterliegen! Insofern sind die Ausführungen zur “Deutschen Cloud” im o.a. Artikel von computerwoche.de nichts als unseriöses Marketing. Keiner der großen internationalen Anbieter – von IBM bis Telekom – kann ein Angebot unterbreiten, dass quasi “USA-frei” ist. Speziell das Angebot von T-Systems wirkt auf mich – wie das meiste von der Telekom – wenig seriös. T-Systems wirbt in den USA riesengroß mit Cloud 7.0 und die Aussage von Reinhard Clemens, CEO von T-Systems:
“Wir agieren im europäischen Rechtsraum, und die US-Behörden können nicht einfach auf Daten unserer Kunden zugreifen.”
ist – freundlich formuliert – natürlich nur eines: Falsch. Die US-Behörden können über T-Systems USA auf alle Daten zugreifen, die für T-Systems USA zugänglich sind. Das ist Fakt. Darüber hinaus muss man bei der Telekom noch darauf hinweisen, dass diese Firma tiefer als viele andere Unternehmen in den USA eingebunden ist durch ihren Besitz des viertgrößten Carriers, T-Mobile USA. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Telekom ist hier nicht die Ausnahme sondern bestätigt die Regel – es gibt vermutlich keine große Firma, die nicht in irgendeiner Weise dem Patriot Act unterworfen ist.
Kardinalfehler der Diskussion zum Patriot Act ist, dass das Thema auf den Cloud-Bereich verengt wird. Richtig ist, dass dieser Bereich am augenfälligsten vom Patriot Act betroffen ist, weil es für amerikanische Behörden bei Cloud Lösungen ausgesprochen einfach ist, Daten auszuspähen. Die windelweiche Stellungnahme von Bitkom im Computerwoche-Artikel hilft auch, das Thema weiter nur auf den Sachverhalt “Cloud” einzuengen.
In Bezug auf Mobile Device Management greift dieser Ansatz aber viel zu kurz. Natürlich kann man bei singulärer Betrachtung des Themas “Cloud” schon einmal fast alle MDM-Angebote in der Cloud von der Liste sicherer Angebote streichen. Das Problem liegt aber viel tiefer. Im Beitrag Mobile Device Management (MDM) – Sicherheit und Verschlüsselung habe ich das eigentliche Problem erläutert:
Der Export von Verschlüsselung größer 56-bit ist trotz dieser Liberalisierung weiter genehmigungspflichtig. Zuständige für derartige Export-Genehmigungen ist das US-Handelsministerium, die federführende Institution im Hintergrund ist aber die National Security Agency (NSA). Diese hat in erster Linie die Aufgabe, Nachrichten abzuhören, die für die Sicherheit der USA bedeutend sind. Produkte mit starker Verschlüsselung (> 56 bit) erhalten zwar eine Exportgenehmigung, allerdings erst nach dem “Technical Review” durch das US-Handelsministerium. Die Vermutung liegt nahe, dass der “Technical Review” nur dazu dient, das Vorhandensein geeigneter Key-Recovery-Mechanismen (Anmerkung: dies bedeutet Entschlüsselungstechnologien)zu überprüfen.
Im Klartext bedeutet dies, dass Software aus den USA, die mit Verschlüsselungstechnologien arbeitet – und MDM tut dies ganz besonders – keine sichere Verschlüsselung bieten kann. Deshalb ist eine solche Lösung weder gut noch schlecht – es ist schlicht ein Faktum, welches man kennen muss. Dieses Faktum gilt auch für europäische Anbieter, die in den USA mit eigenen Strukturen tätig sind – uneingeschränkt. Deren amerikanische Firmen /Niederlassungen sind uneingeschränkt zur Zusammenarbeit verpflichtet und fallen automatisch unter die amerikanische Interpretation von Export, wenn ihr System von einem amerikanischen Kunden eingesetzt wird und dessen Anwender das Land mit der installierten Lösung verlassen, was bei mobilen Endgeräten als Regelfall anzunehmen ist.
Ein anderes Problem wird in diesem Zusammenhang ebenfalls noch viel zu selten erwähnt. Bei allen amerikanischen Anbietern von MDM-Systemen ist der Second– und /oder Third-Level Support regelmäßig in den USA angesiedelt. Dies bedeutet, dass man im Supportfall einem Supporter aus den USA und /oder aus der Infrastruktur eines amerikanischen Unternehmens Zugang auf das MDM-System und ggf. weitere Systeme in der Unternehmensinfrastruktur geben muss. Vor diesem Hintergrund muss man beachten, dass es im Falle einer Patriot-Act-Ermittlung für amerikanische Behörden sehr einfach ist, sämtliche Arbeitsplätze der Mitarbeiter eines Unternehmens zu überwachen – lückenlos und ununterbrochen.
Wir wissen nicht, ob nicht vorsorglich amerikanische MDM-Anbieter lückenlos überwacht werden – der Datenfundus, der über sie zugänglich wird, legt allerdings diese Vermutung nahe. Mein Gespräch mit Rick Segal, dem CEO von Fixmo, das ich im Beitrag Mobile Device Management (MDM) – Sicherheit und Verschlüsselung thematisiert habe, lässt mich dies vermuten, da er es andeutete – die Überwachung durch die NSA wird in den USA von nicht wenigen als normal und selbstverständlich, teilweise sogar als gut angesehen. Man darf auch nie vergessen, dass Spionage eine zentrale Aufgabe der amerikanischen Geheimdienste ist, die vom Patriot Act massiv begünstigt werden.
Ob vor diesem Hintergrund die Anwendung eines MDM-Systems eines amerikanischen Anbieters oder eines Anbieters mit eigenen Aktivitäten in den USA dem eigenen Sicherheitsbedürfnis entspricht, muss jeder Anwender für sich selbst entscheiden. Ich meine, dass diese Systeme für jeden, der Wert auf Datenschutz legt, komplett ausscheiden. Wenn Sie weitere Fragen zu diesem Thema haben, zögern Sie bitte nicht uns anzusprechen – wir haben die Antwort. Garantiert!
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